#fürdasWissen – #fürdieWerte

Philipp Schrögel, Karlsruher Institut für Technologie, Wissenschaftkommunikation und Prof. Dr. Dr. Rafaela Hillerbrand, Karlsruher Institut für Technologie, Technik- und Wissenschaftsphilosophie

Wissen, Werte und Nicht-Wissen

In bester wissenschaftlicher Manier wollen wir mit einer Bestandsaufnahme beginnen:
Wissenschaftliches Wissen wird heute oft zu einer Meinung unter Vielen degradiert. “Climate Science is a hoax” sagt Donald Trump und es ist u.a. die Unsicherheit wissenschaftlichen Wissens die es ihm leicht zu machen scheint, die Aussagen der Klimatologie zu diskreditieren. Aber nicht nur der polemische, faktenfreie Populismus stellt eine Gefahr für die Wissenschaft dar, sondern auch der naiver Szientismus der Gegenseite.

Diese Feststellung dient nun gerade nicht dazu, alles zur Ansichtssache zu degradieren. Natürlich bietet der Umgang mit Nicht-Wissen keineswegs Raum für völlige Beliebigkeit bzgl. der Faktenlage. Gerade die Klimatologie zeigt, wie wissenschaftlich Ungewissheiten und Unsicherheiten Rechnung getragen werden kann. Schlussendlich ist die Klimatologie ja nicht trotz, sondern gerade wegen der Unsicherheiten ihrer Prognosen (oder Projektionen) wissenschaftlich. Dennoch: jede Impfung, jeder medizinische Eingriff, jeder technische Eingriff in die Natur kann unerwünschte Nebenwirkungen haben. Wir können uns auf die empirischen Wissenschaften verlassen, wenn es darum geht diese Nebenfolgen abzuschätzen. Aber welche Handlung hieraus folgt, setzt gewisse normative Setzungen voraus, die über die empirischen Wissenschaften hinausgehen.

Die hier notwendigen Werte- und Interessenabwägung sind zum einen eine politische Aufgabe; sie sind aber auch Gegenstandsbereich dessen, was der deutsche Begriff der Wissenschaften auch umfasst, nämlich der Geistes- und Kulturwissenschaften. Wertungen müssen nämlich keineswegs rein subjektiver Natur sein. Wir kennen universelle (intrinsische oder ggf. auch instrumentelle) Werte wie Würde, Selbstbestimmung oder universelle zusammengesetzte Werte wie Nachhaltigkeit. Bei der Konzeptualisierung eines Wertes können allerdings durchaus unterschiedliche Normen vertreten werden, die sich wiederum in unterschiedliche technische Designanforderungen übersetzen lassen.

Gerade im Umgang mit Technik und Naturwissenschaften helfen die reflexiven Disziplinen, wie etwa Teile der Technikfolgenabschätzung, die Science and Technology Studies und die Technik- und Wissenschaftsphilosophie, Fragen zu Werteabwägungen auch wissenschaftlich zu belichten.

Wissen und Kommunikative Realitäten

Von der Diskussion und Reflexion von Werten und Wissen in einem rationalen, herrschaftsfreien Diskurs, wie ihn Jürgen Habermas idealtypisch skizzierte, sind wir in der gesellschaftlichen Realität weit entfernt, es lohnt sich also, auch über den kommunikativen Kontext zu sprechen Es macht in der Praxis durchaus einen Unterschied, WER eine Aussage tätigt: Menschen bewerten Aussagen im Kontext, anhand deren Ton und Stil, deren Framing, beurteilen die Glaubwürdigkeit und mutmaßliche Intention einer Person anhand deren anderen oder früheren Äußerungen oder institutionellen Anbindung – oder auch an deren Umfeld oder zugeschriebenen Umfeld – wir sehen leider auch die vielen diskriminierenden und rassistischen Implikationen, die das hat.

Dessen muss man sich auch bewusst sein, wenn man sich als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler äußert. Das heißt nicht, alle Unzulänglichkeiten und Ungleichheiten hinzunehmen und zu reproduzieren, aber eben auch nicht (und dann meist nur für die Selbstwahrnehmung) einem naiven Trugbild von unangreifbarer Objektivität nachzugehen. Viele dieser Mechanismen wurde und werden auch immer wieder ausgenutzt, beispielsweise um die Glaubwürdigkeit und den gesellschaftlichen Status von Berufsgruppen oder Organisationen zur Verstärkung von Aussagen zu benutzen. Im Guten wie im Schlechten: Die Älteren erinnern sich vielleicht noch, welche Zigarettenmarke laut Werbung Ärzte empfehlen, oder wenn sich insbesondere in den USA eine große Zahl an Nobelpreisträger*innen per offenem Brief an die Politik wenden.

Wissenschaft ist immer politisch, sicher je nach Themengebiet zu unterschiedlichem Ausmaß und zu unterschiedliche Graden an Kontroversen. An dieser Stelle eine gute Nachricht: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind auch Menschen – und sie haben natürlich neben ihrer Expertise und ihren Idealen auch Interessen und Werte, und nicht alle die gleichen. Die Frage, ob, wie und wie weit sich auch Wissenschaftler*innen zu gesellschaftlichen und politischen Themen äußern sollten, wird gerne in wiederkehrenden Wellen leidenschaftlich diskutiert. Die grundlegenden Mechanismen und Modelle sind aber im Prinzip schon seit Max Weber und dem Werturteilstreit in der deutschen Soziologie und Nationalökonomie Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Tisch. Am Ende ist auch das wieder eine Entscheidung, welchem Verständnis man folgen möchte, wobei den zwischen Erkenntnissen, Optionen und Entscheidungen abwägenden Charakter der Interaktion zwischen Wissenschaft und Politik am ehesten die Rolle der “ehrlichen Makler” (nach Roger A. Pielke Jr.) trifft.

Weiterhin lohnt es sich, an die Winston Churchill zugeschriebene Feststellung zu denken: “There is no such thing as public opinion. Only published opinion.” Es geht bei Aussagen immer auch um Reichweite, Aufmerksamkeit und Auswahl: in den klassischen Massenmedien genauso wie dezentraler auf Social Media oder auf Podien und am Vortragspult. Redaktionelle Entscheidungen auf Basis von Nachrichtenfaktoren oder Selektionsmechanismen durch Algorithmen und die selbst zusammengestellten Online-Freundeskreise (auch wenn es die so oft zitierten geschlossenen Filter-Bubbles in der Form nicht zu geben scheint) beeinflussen, welche Themen und Diskurse Aufmerksamkeit erfahren. Zuspitzung, Empörung und Emotionalisierung spielen dabei eine wichtige Rolle.

Selbstkritisch aus der Perspektive der Wissenschaft sei angemerkt, dass auch der innerwissenschaftliche Diskurs in der Praxis selten dem Ideal des rein rationalen Ringens um Fakten und Interpretationen entspricht, und dass öffentliche Wissenschaftskommunikation neben den hehren Ansprüchen auch als Reputationskommunikation in einer medialisierten Wissenschafts-Gesellschaft betrieben wird.

Was kann man nun #fürdasWissen mitnehmen?

Sich #fürdasWissen zu entscheiden, bedeutet auch, sich der Grenzen bewusst zu sein und gleichermaßen Werte und Nicht-Wissen zu berücksichtigen. Dennoch darf das nicht in eine epistemische oder moralische Beliebigkeit abgleiten. Oder anders gesagt: Ein naiver Szientismus hilft genauso wenig wie ein polemischer, werte- und faktenfreier Populismus bei der Lebens- und Politikgestaltung.

Wie wir handeln sollen, darauf gibt es keine wissenschaftlich autoritativen Antworten, weder in empirischen Wissenschaften, noch in den Geisteswissenschaften. Allerdings gilt es zu Bedenken, dass Nicht-Handeln genauso Konsequenzen hat, und gerade bei drängenden Herausforderungen, wie zum Beispiel dem Klimawandel, ein Aufschieben von Entscheidungen mit Verweis auf Unsicherheiten und Nicht-Wissen an sich schon eine Entscheidung ist – eine durchaus folgenreiche und das nicht im Positiven.

Wir möchten Wissenschaftler*innen generell und insbesondere in den Natur- und Technikwissenschaften dazu motivieren, öfter die moralischen, gesellschaftlichen und politischen Aspekte ihrer Themen und besonders ihrer eigenen Positionen zu reflektieren: Handlungsoptionen sind nicht dann wissenschaftlich unumstößlich gesetzt, wenn man sie selber befürwortet, und sie sind haltlose Ideologie, wenn es andere Bewertungen sind. Aber natürlich sind auch nicht alle Befunde diskursiv verhandelbar: Es ist nicht die wissenschaftliche Frage OB es ein ansteckendes Coronavirus gibt, sondern wie Einzelbefunde bewertet werden und Maßnahmen in einer Gesamtabwägung politisch entschieden und gesellschaftliche akzeptiert werden.

Streit ist im produktiven Sinne essentieller Kern von Wissenschaft. Gleichzeitig ist es gut, dass auch Wissenschaftler*innen politische und moralische Positionen beziehen. Diese müssen allerdings als solche kenntlich gemacht werden. Sich der Wertbeladenheit der eigenen Aussagen bewusst zu werden, ist unter Umständen sehr schwierig. Hier wäre ein bisschen mehr Entschleunigung und Reflexion in der aktuellen Debattenkultur sicherlich hilfreich, aber auch Module zur Ethik und Technik- und Wissenschaftsreflexion in der Aus- und Weiterbildung von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren könnten sich als zielführend erweisen.

Zur Debattenkultur sei noch ergänzt, dass Meinungsfreiheit nicht heißt, dass man jedem eine Bühne bieten MUSS, eine Kritik ist nicht automatisch Denunziation, Cancel Culture oder gar Pogrom, wie in in der Nuhr-Debatte historisch unreflektiert assoziiert wurde.

Letzten Endes gilt: #fürdasWissen gibt es nicht ohne #fürdieWerte – welche das sein sollen, ist die Gretchenfrage.

Philipp Schrögel, Karlsruher Institut für Technologie, Wissenschaftkommunikation
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Prof. Dr. Dr. Rafaela Hillerbrand, Karlsruher Institut für Technologie, Technik- und Wissenschaftsphilosophie


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